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Gluehkopf

Grundbegriffe der Saldenmechanik


Bei der Untersuchung saldenmechanischer Zusammenhänge muss zwischen drei verschiedenen Ebenen unterschieden werden:

  • Gesamtheiten jeweils aller gleichartigen Wirtschaftssubjekte, d.h. etwa die Gesamtheit aller Haushalte, die Gesamtheit aller Unternehmen oder auch die Gesamtheit aller Wirtschaftssubjekte zusammengenommen;
  • Gruppen gleichartiger Wirtschaftssubjekte: eine Gruppe umfasst eine (um mindestens eins) geringere Anzahl als die Gesamtheit der jeweiligen Wirtschaftssubjekte;
  • Einzelne Wirtschaftssubjekte der jeweiligen Art, d.h. einzelne Haushalte, einzelne Unternehmer usw.

Mit dieser Terminologie lässt sich jede Gesamtheit von Wirtschaftssubjekten mindestens unterteilen in eine Gruppe (die auch nur aus einem einzelnen Wirtschaftssubjekt bestehen kann) und die jeweilige Komplementärgruppe. Gruppe und Komplementärgruppe bilden dann umgekehrt die Gesamtheit einer bestimmten Art von Wirtschaftssubjekten.

Gesamtheit = Gruppe (>= 1) + Komplementärgruppe (= Rest >= 1)
Zentraler Inhalt der Saldenmechanik ist nun die Tatsache, dass viele wirtschaftliche Sachverhalte immer nur für einzelne oder Gruppen von Wirtschaftssubjekten gelten, nicht jedoch für die Gesamtheit der Wirtschaftssubjekte.
Ein auf den ersten Blick triviales Beispiel ist hier die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben:

  1. Die Höhe der Einnahmen eines einzelnen Wirtschaftssubjektes kann von der Höhe seiner Ausgaben abweichen.
  2. Da aber die Einnahmen des einen stets die Ausgaben des anderen sind, kann ein einzelner oder eine Gruppe von Wirtschaftssubjekten nur dann einen Überschuss der Einnahmen über die Ausgaben erzielen, wenn die Komplementärgruppe einen betragsmäßig exakt gleichgroßen Überschuss der Ausgaben über die Einnahmen hinzunehmen bereit ist bzw. erzielen möchte.
  3. Für die Gesamtheit aller Wirtschaftssubjekte sind Einnahmen und Ausgaben immer gleich groß.

In scheinbar paradoxer Weise formuliert: Bei jedem Wirtschaftssubjekt (i.S. von: jedem einzelnen) können Einnahmen und Ausgaben voneinander abweichen, bei allen Wirtschaftssubjekten (i.S. von: allen zusammen) sind Einnahmen und Ausgaben zwingend gleich.
  • Der Satz, der für ein einzelnes Wirtschaftssubjekt (oder eine Gruppe von Wirtschaftssubjekten) gilt, heißt Partialsatz;
  • Der Satz, der für die Gesamtheit von Wirtschaftssubjekten gilt, heißt Globalsatz.
  • Die Beziehung zwischen beiden ergibt sich aus einem Satz zur Größenmechanik.
Es gilt weiter: ob ein Wirtschaftssubjekt oder eine Gruppe von Wirtschaftssubjekten einen Ausgabenüberschuss (Einnahmenüberschuss) erzielt, ist nicht primär eine Folge der bloßen Steigerung (Senkung) der Ausgaben, sondern beruht darauf, dass ein Wirtschaftssubjekt seine Ausgaben stärker steigert (senkt) als die Komplementärgruppe der übrigen Wirtschaftssubjekte, mit anderen Worten, wenn eine Gruppe von Wirtschaftssubjekten einen Vorsprung vor den anderen erzielt. Das führt zu dem Globalsatz:
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Die Gesamtheit kann durch Vermehrung ihrer Ausgaben
ihren Kassenbestand nicht verändern.
Die Höhe der Ausgaben in einer Gesamtwirtschaft hängt daher nicht von der Höhe des Zahlungsmittel- oder Geldvermögensbestandes ab. Das wird noch zusätzlich deutlich, wenn man sich den Fall des „Gleichschritts“ vor Augen hält: Gleichschritt liegt vor, wenn keinerlei Vorsprungseffekte vorliegen. Anders gesagt: „Gleichschritt herrscht, wenn zufällig für jede Einzelwirtschaft dasselbe gilt, was für die Gesamtheit von vornherein gilt“.

Bezogen auf das Beispiel von Einnahmen und Ausgaben bedeutet es: „Gleichschritt herrscht, wenn bei jeder Einzelwirtschaft die Eingänge gerade so hoch sind wie die Ausgänge, also gerade keine Salden auftreten. Als ‚gleichschrittige Veränderung’ aber wollen wir einen Verlauf bezeichnen, in dem der ‚Input’ (Eingang) jeder Einzelwirtschaft gerade um den gleichen absoluten (nicht prozentualen) Betrag wächst (schrumpft) wie der ‚Output’ (Ausgang), so dass der Saldo gleich groß bleibt“.

Anders formuliert: der Zahlungsmittelbestand berührt nicht die Höhe der Ausgaben, sondern lediglich den Umfang, in dem das Einnahme-Ausgabe-Verhalten der Wirtschaftssubjekte vom Gleichschritt abweichen kann. Bei derartigen Abweichungen vom Gleichschritt treten Salden auf (woraus sich die Bezeichnung Saldenmechanik herleitet). Der zentrale Punkt ist hierbei:
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Der Saldo einer Einzelwirtschaft verändert sich nicht (allein) deshalb, weil diese Einzelwirtschaft ihre Ausgaben (d.h. eine Stromgröße) verändert;
die Veränderung der entsprechenden Bestandsgröße ergibt sich nur aus dem Vorliegen von Vorsprungs- oder Nachhinkeffekten.
„Effektiv besteht also nie eine einfache Korrelation zwischen dem Niveau dieser Strömungsgrößen (also der ‚Stromstärke’) und den Veränderungen der zugehörigen Bestandsgrößen, sondern stets nur eine Korrelation zwischen Abweichungen vom Gleichschritt und den Veränderungen der fraglichen Bestandsgrößen“. Diese zunächst sehr abstrakt klingende Überlegung bildet den Dreh- und Angelpunkt der Saldenmechanik; sie führt zu Schlussfolgerungen, die auch den Kernbestand der modernen Makroökonomik und der darin verwendeten Geldtheorie berühren.

Quelle: Johannes Schmidt, "Saldenmechanik: ein Ansatzpunkt für die Weiterentwicklung der makroökonomischen Theorie?", 2009