Das lesen Sie auf dieser Seite:
  • FK: ein anti-event für "unfehlbare" Märkte
  • bislang keine echte Ursachenanalyse
  • FK auf menschliches Versagen zurückzuführen
  • Märkte sind inhärent instabil
  • keine faire Diskussion über Grundsatzfragen mehr
  • verfehlte Wachstums-Ideologie zeigt Folgen
  • das dts. Spardiktat wird zum Eigentor
sapere aude
Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Gluehkopf

Finanzkrise


Die Finanzkrise von 2008 ff., die auch jetzt bei weitem noch nicht überwunden ist, stellt ein Phänomen dar, dass es nach mehrheitlicher Auffassung der Experten aus Finanzwirtschaft, Politik und Wissenschaft eigentlich gar nicht hätte geben dürfen, also eine Art „anti-event“. So bestand dort vielfach die tiefverwurzelte Überzeugung, dass die Finanzmärkte in einem allgemeinen Sinne effizient sind, während der Staat stets extrem fehlbar ist. Damit seien die Deregulierungen der letzten Jahrzehnte gerechtfertigt gewesen.

Erstaunlich und zugleich bedauerlich ist, dass es bei der Aufarbeitung der Krise im finanzindustriell-politisch-wissenschaftlichen Komplex bis heute nicht ernsthaft zu einer echten Ursachenanalyse gereicht hat. Unter weitgehender Ignorierung objektiver Daten wurden von ihm bisher ausschließlich Faktoren in die Diskussion geworfen, die im weitesten Sinne mit dem Versagen des Staates zu tun haben:
die leichte Geldpolitik der amerikanischen Zentralbank
niedrige Zinsen
 eine zu hohe Verschuldung ganzer Volkswirtschaften
unerwartete Preisentwicklungen am Häusermarkt
eine laxe Hypothekenpolitik
die Nachlässigkeit der Aufsichtsbehörden
Buchtipp:
Die Marktwirtschaft
des 21.Jahrhunderts Buchtipp: Die Marktwirtschaft des 21.Jahrhunderts
Vollkommen ausgeklammert werden jedoch in guter neoliberaler Tradition alle Einflüsse, die Zweifel an der Leistungsfähigkeit nicht regulierter, globaler Finanzmärkte und deren eigener (Mit)Schuld an der Krise aufkommen lassen könnten. Dabei lässt sich nachweisen, dass Finanzmärkte definitiv nicht vorhersagbar und daher auch nicht effizient sind. Sie sind inhärent instabil. Wären nämlich die Märkte berechenbar und damit zumindest mit einer statistischen Wahrscheinlichkeit vorhersagbar, dann müssten die Abweichungen von der Theorie sich wie eine Glockenkurve verteilen. Das ist aber nicht der Fall. Die unwahrscheinlichen Fälle treten viel häufiger auf, so dass Märkte, die nicht reguliert sind, gesetzmäßig nach einer gewissen Zeit aus dem Ruder laufen. "Falsche Preise, Blasen und teure Rettungsaktionen sind keine Ausrutscher der modernen Finanzmärkte, sie sind ihre Funktionsbedingung." (H. Flassbeck, "Die Marktwirtschaft ...")

So kommt die vom US-amerikanischen Kongress eingesetzte Untersuchungskommission, FCIC, auch zu ganz anderen Ergebnissen: „We conclude this financial crisis was avoidable. The crisis was the result of human action and inaction, not of Mother Nature or computer models gone haywire.“

Wie aber will man Einflüsse, die nachweislich auf menschlichem Verhalten beruhen, denn anders steuern, als durch eine enge Regulierung der "Märkte"? Nur dann arbeiten sie auch reibungslos. Bislang werden jedoch von Politikern - vor allem zum Zwecke der Wahlpropaganda - hier und da einzelne Faktoren wie etwa eine Finanztransaktionssteuer oder eine Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken als regulierungsbedürftig erklärt. Diesen Ansätzen fehlt es allerdings immer an einem konzeptionellen, gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang und an hinlänglich durchgreifender Tiefe.

Was aber bei der tendenziösen Darstellung durch den finanzindustriell-politisch-wissenschaftlichen Komplex vor allem fehlt, wie in der öffentlichen Diskussion auch, ist das dritte Konto in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) – der Unternehmenssektor. Das ist ein grober Fehler, denn Finanzierungssaldi des Staates entsprechen den Saldi (mit umgekehrten Vorzeichen) der Privathaushalte und des Unternehmenssektors (Saldenmechanik). Man kann die einen nicht diskutieren, ohne die Auswirkungen auf die anderen zu beachten.

"Der Boom der toxischen Papiere auf den Finanzmärkten ist aber die realwirtschaftliche Folge der Überschüsse im Unternehmenssektor und der damit verbundenen schiefen Verteilung der Haushaltseinkommen. Schuldverhältnisse und Kredite entstehen in der Realwirtschaft, sie werden nicht vom Bankensektor aus dem Nichts geschöpftWeil sich die Unternehmen mit ihren tiefen Löhnen gegenseitig die Nachfrage kaputt gemacht haben, mussten sie ihre Überschüsse zwangsweise auf den Kapitalmärkten anlegen – und dort die eine oder andere spekulative Blase auslösen." (W. Vontobel: "Ökonomenstimme: Die Mutter aller Finanzkrisen...")

Über diese grundlegenden Fragen der Makroökonomik aber findet eine offene, kritische gesellschaftliche Diskussion immer noch nicht statt. Es gibt in Deutschland keine ökonomische Institution mehr, die unabhängig und mit Ökonomen unterschiedlicher Ausrichtung besetzt ist und systematisch das Für und Wider bestimmter Politikoptionen bespricht und veröffentlicht. Dazu würden u.a. Fragen gehören wie:
  • Greift der Staat wieder in expansiver Form in die Wirtschaft ein oder nicht oder sollte nicht die Geldpolitik auf eine vollkommen neue gesellschaftspolitische Basis gestellt werden?
  • Sind Steuersenkungen, Deregulierungen und Privatisierungen tatsächlich im Sinne einer sozialen Marktwirtschaft, in der die Beschäftigung zunimmt, die Einkommen steigen und alle Menschen, auch die „Alten“ und Schwachen, am Gesamterfolg der Gesellschaft teilhaben?
  • Ist die eindeutige Betonung des Exports in der gesamtwirtschaftlichen Ausrichtung weiterhin sinnvoll vor dem Hintergrund, dass sich die Exportmärkte deutsche Produkte immer weniger leisten können?
  • Wie kann erreicht werden, dass der Wettkampf der Nationen, der den Handel in der Welt zu einer Einbahnstraße hat werden lassen, wieder beendet wird?
Das Ergebnis dieser Politik ist ein Hineinwurschteln in eine ökonomisch, ökologisch und sozial vollkommen ungewisse Zukunft: ein nachhaltiger Wirtschaftsaufschwung ist vor dem Hintergrund einer Rezession mit steigenden Staatsdefiziten nicht in Sicht, die Begrenztheit der irdischen Naturressourcen wird weiterhin auf dem Altar einer verfehlten Wachstumsideologie geopfert und als sozial wird eine Marktwirtschaft inzwischen bereits dann angesehen, wenn der Bürger, ohne zu hungern und vollständig aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, überlebt.
Wenn aber die Politiker das System verstünden, ließen sie es doch wohl nicht mit schöner Regelmäßigkeit in große Krisen geraten!? Dem Hype um die Finanzmärkte folgte die Krise der Finanzmärkte. 
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Hätte die konservativ-liberale Regierung tatsächlich die Euro-Krise angezettelt, wenn ihr die negativen Auswirkungen auf ihre eigene, angestammte Klientel klar gewesen wären? Denn letzten Endes werden es doch die deutschen Unternehmen sein, die klein beigeben und ihre vorher gewonnenen Exportanteile wieder abgeben müssen. Das deutsche Spardiktat wird zum Eigentor!

Das dürfte jedoch die verantwortlichen Politiker in arge Erklärungsnöte bringen und darum wäre es gut, wenn man bis dahin eine Position der Vernunft gefunden hätte, die zwischen rechts und links läge. Eine Position nämlich, die das System der sozialen Marktwirtschaft weder deshalb in Bausch und Bogen verdammt, weil es zu sozialistisch ist, noch deshalb, weil es zu kapitalistisch ist. Die geldtheoretische Basis dafür existiert seit langem.