Krisen

Yin_Yang.png
Die Grundangst ist die Angst vor dem Tod.
Alle Ängste sind nur Brechungen dieser Grundangst.
Krisen kennzeichnen allgemein einen nachhaltigen Wendepunkt, der für die Betroffenen Veränderungen bedeutet, die als negative Abweichung von den eigenen Erwartungen empfunden werden und damit gewisse Ängste auslösen. In Wirtschaftskrisen jeder Art sind dies vor allem die Angst vor materiellen Verlusten und Existenzängste. Dies gilt auch für Finanzkrisen. 
Als Reaktion darauf hat die Politik die dringende Aufgabe, diese Ängste und Sorgen der Menschen schnell, aufklärend, umfassend und sachkompetent zu zerstreuen, und zwar auf zweierlei Weise:

  • operativ durch Einleitung geeigneter, nachhaltiger wirtschafts- und/oder finanzpolitischer Gegenmaßnahmen
  • kommunikativ durch Deutung und Bewertung der Ereignisse und Maßnahmen über eigene Informationskanäle und die Medien

Weil nach der Finanzkrise von 2008 weder das eine noch das andere hinreichend erfolgte, ist der Angstzyklus in der Bevölkerung bis heute nicht unterbrochen - zum Nutzen der Politik, "denn das Versprechen hält die Menschen in Sklaverei" (Buddhismus***), und der Unternehmen, vor allem der Finanzwirtschaft und der Medien. Denn bei letzteren gilt:

Angst macht Auflage


So etwas kann nicht ohne Wirkung bleiben. Das verdeutlicht eine Umfrage der R+V Versicherungen. Danach waren in 2012 die drei größten Ängste der Deutschen:

  • 63 % Steigende Lebenshaltungskosten
  • 55 % Überforderung der Politiker
  • 52 % Schlechtere Wirtschaftslage

Dichtung und Wahrheit

Da es in solchen Situationen weniger auf die Tatsachen ankommt, als auf die (öffentliche) Meinung über die Tatsachen, muss man den Eindruck gewinnen, dass auch die Polit- und Finanzmarktakteure ihre wichtigste Aufgabe darin sehen, eine beschauliche Erzählung zu etablieren. Eine wenig Vertrauen erweckende Erzählung allerdings, die die Schuld für den Zusammenbruch des Finanzsystems mit der anschließenden Sozialisierung der Verluste nicht dem globalen Finanzsystem als solchem zuschreibt, sondern lediglich sekundären, zufälligen Abweichungen vom ursprünglichen Plan, an deren Korrektur man bereits mit Erfolg arbeite.

Die aktuell weiter anhaltende Krise, selbst wenn sie medial inzwischen von einer Finanz- zu einer Staatsschuldenkrise mutiert ist, eröffnet jedoch jedem bei halbwegs realistischer Betrachtung ein vollkommen anderes Bild. Die Folgen bewirken ein sich vergrößerndes Misstrauen gegenüber der herrschende Lehre und Praxis der monetaristischen Verheißung einer immanenten Stabilität des privaten Sektors, sowie eine sich verstärkende gesellschaftliche Diskussion über wachsende Unebenheiten in der Einkommensverteilung. Das dokumentiert sich nicht zuletzt in einer zunehmenden Wahrnehmung der gesellschaftlichen Ausgrenzung.

Gleichzeitig ist man mit einer paradoxen Situation konfrontiert: Eine Finanz- und Wirtschaftskrise historischen Ausmaßes, die noch keine nachhaltigen Spuren im Alltagsbewusstsein der Bevölkerung in Deutschland hinterlassen hat. In der Tat wird die Krise trotz vereinzelter Bewegungen des Widerstands nach wie vor überwiegend wirtschafts-, fiskal- und arbeitsmarktpolitisch bearbeitet, ohne Zentrum öffentlicher größerer sozialer Konflikte zu sein. Es gibt (noch) keine Gleichzeitigkeit von Krise und Konflikt. In Griechenland, Spanien und Portugal scheint sich das allerdings zu verändern. Vielleicht hat man dort schon verstanden, dass  sich auf den Schauplätzen der internationalen Finanzwirtschaft kein effizientes Zusammenspiel vernünftiger Akteure, sondern ein „Spektakel reiner Unvernunft“ (Vogl) vollzieht.

Weil wir es in Wahrheit nämlich nachweislich mit einer Guthaben-/Geldvermögenskrise zu tun haben, erleben wir heute neben der Finanz- und Wirtschafts- auch zunehmend wieder eine Sozial- und Armutskrise. Sinnbildlich dafür stehen in Deutschland die anhaltend rückläufige Entwicklung der Reallöhne sowie die Diskussionen um die Höhe der Sozialleistungen des Staates (z.B. Hartz IV) und die Sicherung der Renten (kapitalgedeckt oder umlagefinanziert?). Dabei hatte doch schon der wirtschaftliche Aufschwung der 1950er und 60er Jahre vor allem mit der jederzeitigen, garantierten Teilhabe der Menschen am gemeinsam erarbeiteten Zuwachs der Wertschöpfung zu tun. Und das war nicht nur in Deutschland eindeutig ein Erfolg keynesianischen Gedankenguts.

Als ein integraler Bestandteil der sozialen Marktwirtschaft muss außerdem die Fähigkeit der Staaten gesehen werden, harmonisch miteinander umzugehen. Der gegenwärtige Wettkampf der Nationen hingegen symbolisiert eine weitere Krise, die Handelskrise. In ihr ist der Handel zur Einbahnstraße mutiert, was langfristig niemandem nützen kann. Mehr und mehr wird bereits klar, wie stark z.B. Deutschland auch nach der Finanzkrise noch auf Kosten der anderen Länder expandiert hat. Ein mit Lohndrückerei erkaufter Exportboom an Waren und Dienstleistungen hier steht allerdings einem daraus resultierenden importierten Staatsschuldenboom dort gegenüber.

Wahrheit heißt: Das was ist.

Die Geld- und Finanzpolitik auf Basis des neoklassischen Modells hat versagt. Die letzten knapp 40 Jahre lassen vor allem Zweifel an der Berechtigung für seine Anwendung im Einzelnen und am Verständnis der gesamtwirtschaftlichen Logik überhaupt aufkommen. Egal, ob Finanz- oder Euro-Krise. Wer mit den Schulden nur die eine Seite der Medaille sieht, ohne gleichzeitig die korrespondierenden Geldvermögen anzuprangern, befeuert die missliche Lage und trägt nur zu ihrer Verschlechterung bei.
Benjamin Franklin:

"One of the greatest tragedies in life
is the murder of a beautiful theory
by a gang of brutal facts."
Im Übrigen endet die Aussagekraft bezüglich der Allgemeingültigkeit einer Wirtschaftstheorie naturgemäß dort, wo menschliches Verhalten die Zusammenhänge maßgeblich beeinflusst. So führen etwa Liberalisierung und Deregulierung der Finanzmärkte über die Spekulation (= eindeutig menschliches Verhalten) nach wie vor zu falschen Preisen für Zinsen, Währungen und Rohstoffe. Die Reformen des Arbeits- und Sozialmarktes sowie die Bemühungen um die Verbesserung des Standorts Deutschland waren und sind zudem eindeutig unternehmerischem Handeln abgeschaut und lassen jede gesamtwirtschaftliche Perspektive vermissen.
Das gegenwärtige Geld- und Finanzsystem ist nicht kompliziert, es ist komplex. Die Komplexität basiert dabei vor allem auf solchen Zusammenhängen, für deren konkrete Form menschliches Verhalten tatsächlich eine wesentliche Rolle spielt. Daneben gibt es aber sehr viele vom menschlichen Verhalten vollkommen unabhängige Größenbeziehungen, die sich als trivial-arithmetische Zusammenhänge beschreiben lassen. Eine wirkungsvolle Reform des Systems muss beide Aspekte berücksichtigen.