Veränderung
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Gluehkopf

Spekulation


Die nahezu komplette Deregulierung der Finanzmärkte, die die Politik seit Ende der 1980er Jahre vorangetrieben hat, führte zu einer Loslösung dieser Märkte von der Realwirtschaft und das Überschießen in eine Art "Kasinokapitalismus", in Spekulationsgeschäfte mit irrationalen Wetten und artifiziellen "Finanzprodukten" in immer aberwitzigeren Dimensionen. All dies zielt allein darauf, die Gier der Anleger anzustacheln, damit Banken, Schattenbanken (Geldmarktfonds, Zweckgesellschaften, Private-Equity-Firmen und Hedgefonds) sowie andere Finanzjongleure und vor allem deren Spitzenmanager daran unglaubliche Summen verdienen konnten. Dieser Entwicklung hat die Politik auch nach dem Crash von 2008 noch keinen wirksamen Riegel vorgeschoben.

Derartige Unterlassungen führen inzwischen mehr und mehr zu Exzessen, die die Grenzen der Legalität weit überschreiten. Diese Vorgänge als "kriminelle Einzelfälle" ab zu tun, ist sinnbildlich für die Qualität von Moral und Unrechtsbewusstsein in der Finanzbranche. Sie gefährdet aber nicht nur einzelne Kapitalanleger, sondern unser gesamtes Gemeinwesen.

Insbesondere in der letzten Zeit sind viele Rohstoffpreise, darunter auch Preise für Nahrungsmittel, systematisch von der Spekulation verzerrt worden. Menschen hungern oder sterben, weil Mais-, Reis- oder Getreidepreise systematisch über Derivatemärkte nach oben getrieben werden.


An den Finanzmärkten wird von den Akteuren offenbar verstärkt ein Spiel gespielt, bei dem es ihnen nicht im geringsten auf die Rendite von Sachanlagen ankommt.  Denn man setzt gar nicht auf die Dividende (oder den Zins), die man langfristig mit der Anlage erzielen kann. Vielmehr wird darauf spekuliert, dass der Preis des gerade gehaltenen Vermögenstitels kurzfristig steigt.

Es werden also keine Werte geschaffen, sondern es wird nur umverteilt.
Denn wenn beispielsweise viele Leute in Rohstofffutures investieren und deswegen auf den Weltmärkten die Rohstoffpreise steigen, werden noch lange keine Werte geschaffen: Die Produzenten von Rohstoffen werden reicher, während die Konsumenten ärmer werden, weil sie für die Güter des täglichen Bedarfs mehr Geld bezahlen müssen. Der Gewinn des Einen ist der Verlust des Anderen.

Sind Werte dadurch entstanden, dass man amerikanische Hypotheken gebündelt und im Rest der Welt verscherbelt hat? In den USA endete in 2007 die Spekulationsblase mit den Ramschhypotheken just in dem Augenblick, als die Menschen damit überfordert waren, ihre Rechnungen zu bezahlen. Denn die spekulativ verzerrten Preise sind für die reale Wirtschaft, für die Menschen also, die wirklich arbeiten und Geld verdienen könnten, irgendwann nicht mehr zu verkraften.
Ob Rohöl, Baumwolle oder Kupfer, ob die Aktienmärkte von Mexiko oder Südafrika, ob die Wechselkurse von brasilianischem Real zum japanischen Yen oder des neuseeländischen Dollar zum Euro, ob die Staatsanleihen von Griechenland, den USA oder Japan - alle diese Preise folgen einem Muster, das nichts mit normalem Angebot und normaler Nachfrage zu tun hat. Die neue Theorie der Behavioural Economy (Verhaltensökonomik) beschreibt die überwiegend psychologischen Ursachen für dieses Marktverhalten
C 5CUsers5CKlaus5CAppData5CLocal5CTemp5Cmsohtmlclip15C015Cclip image001       Herdentrieb 
der Glaube, dass die Mehrheit sich nicht völlig irrt führt dazu, dass sich Prozesse aufschaukeln.

C 5CUsers5CKlaus5CAppData5CLocal5CTemp5Cmsohtmlclip15C015Cclip image001       Das Raubtier-/Machoverhalten
es gibt einen starken psychologischen Reiz, Risiken einzugehen.


C 5CUsers5CKlaus5CAppData5CLocal5CTemp5Cmsohtmlclip15C015Cclip image001       Selbstüberschätzung
wer Erfolg hat, glaubt, besser zu sein, so lange es gut geht, und beginnt dann, das Risiko weiter zu steigern.

C 5CUsers5CKlaus5CAppData5CLocal5CTemp5Cmsohtmlclip15C015Cclip image001       Überinformation
führt dazu, wesentliche Informationen zu ignorieren und sich auf den Bauch zu verlassen.

C 5CUsers5CKlaus5CAppData5CLocal5CTemp5Cmsohtmlclip15C015Cclip image001       Aktivitätszwang
Geldverwalter können in Krisensituation nicht einfach Papiere halten. Denn wenn es schief geht, ist es nachher besser, sie haben reagiert – auch wenn das falsch war.

C 5CUsers5CKlaus5CAppData5CLocal5CTemp5Cmsohtmlclip15C015Cclip image001       Falsche Einschätzung der Marktteilnehmer
Entscheidungen werden oft nicht aufgrund der Fundamentals (Firmen-/Wertpapierdaten) gefällt, sondern aufgrund der Einschätzung der Psychologie des Marktes (was werden die anderen tun?). Aufgrund der Vermutung, dass Andere sich irrational verhalten, reagieren Marktteilnehmer selbst irrational.

C 5CUsers5CKlaus5CAppData5CLocal5CTemp5Cmsohtmlclip15C015Cclip image001       Psychologische Grundstimmungen
in der Finanzkrise (Bärenmarkt
) werden alle übervorsichtig; wenn der Markt dagegen gut läuft (Bullenmarkt) werden alle leichtsinnig. Menschen denken kurzfristig, sie überschätzen ihre Erfahrungen und ignorieren die Geschichte (= langfristiges Denken) – wie der Truthahn, der immer gut gefüttert wird und in seiner zunehmend positiven Einschätzung des Menschen am Tag der Schlachtung bitter enttäuscht wird.

C 5CUsers5CKlaus5CAppData5CLocal5CTemp5Cmsohtmlclip15C015Cclip image001       Glaube (Vertrauen) in Analysen
zum Beispiel von Rating-Agenturen, führen dazu, dass die Prognosen tatsächlich eintreten, egal wie richtig oder falsch die Analyse war.

C 5CUsers5CKlaus5CAppData5CLocal5CTemp5Cmsohtmlclip15C015Cclip image001 1       Aberglauben
es gibt Meinungen, die weniger wissenschaftlich begründet sind, als vielmehr eine Art „Common Sense“ darstellen. Wenn die Marktteilnehmer sich danach richten, dann funktionieren sie als Selffulfilling Prophecy. Beispiele: Die Aktien steigen, wenn die Zinssätze sinken, die Arbeitslosenquote sinkt/steigt, die Handelsbilanz positiv ist, die Inflationsrate sinkt, wenn der Staat dereguliert usw. Die Ursache ist dabei egal – und kann sogar periodisch wechseln –, entscheidend ist, dass die Marktteilnehmer dran glauben.

C 5CUsers5CKlaus5CAppData5CLocal5CTemp5Cmsohtmlclip15C015Cclip image001 1       Gegenbewegungen
wenn Vorhersagen nicht eintreten, kann das zu abrupten Gegenbewegungen führen oder schlicht zum Verkauf, um schnell noch Cash zu machen.

 

Literaturhinweis: H. Peukert: "Die große Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise", 2011

Gehe ich rein ins Risiko oder raus aus dem Risiko - das ist die entscheidende Frage, die sich die Anleger täglich weltweit stellen. Und sie beantworten sie fast alle fast immer gleich: In der Finanzkrise sind sie alle raus gegangen, seit spätestens 2009 gehen sie wieder alle rein. Denn inzwischen sind längst wieder alle Spieler in den Kasinos, der Tatenlosigkeit der Regierungen sei Dank. Schlimmer noch: Die Spieler können sich sicherer als zuvor fühlen, weil sie nun von den Staaten aufgrund "systemischer Risiken" auf jeden Fall gerettet werden.
1010-error Das alles gehört schlicht verboten! 1010-error