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Gluehkopf

Eigenkapitalquoten

In der Diskussion um die Lehren aus der jüngsten Finanzkrise spielt der Hinweis auf verschärfte Eigenkapitalregeln für Banken in nahezu allen Beiträgen eine herausragende Rolle. Tatsächlich waren und sind speziell europäische Banken verglichen mit der US-amerikanischen Konkurrenz mit sehr geringen Reserven ausgestattet. Und das, obwohl in jüngster Zeit sehr oft darauf hingewiesen wurde, dass im Verlauf der Finanzkrise bereits eine beachtliche Rekapitalisierung vieler Banken stattgefunden hätte. Untersuchungen zeigen allerdings, dass hier Formen des Hybridkapitals* mit schuldenähnlichem Charakter überwogen, begleitet von hohen Dividendenzahlungen.

Außerdem können sich die Geldinstitute auf der Grundlage der mark-to-market-Regel bilanziell gesund rechnen und wobei noch nicht realisierte Gewinne durch Aufblähung der Vermögenswerte die Eigenkapitalquote in die Höhe schießen lassen. So darf es nicht verwundern, dass die eigentlich relevante nicht gewichtete (bezogen auf die Risikopositionen) bilanzielle Eigenkapitalquote selbst bedeutender deutscher Banken bis dato nach wie vor nur bei etwa 2% liegt. Erst in 2013 soll die harte Kernkapitalquote auf 4,5% steigen. Vergleicht man diesen Wert mit den entsprechenden Zahlen nichtfinanzieller Unternehmen, bei denen die Bilanzsumme nicht selten das zwei- bis dreifache des Eigenkapitals aufweist und damit die Eigenkapitalquote bei maximal 50% liegen kann, wird deutlich, wie ein impliziter Rettungsschirm wirkt.

Nimmt man diese Werte als Richtschnur für eine Zeit nach dem Ende staatlicher Bankenrettungen, so muss unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten folgendes gelten:
Die nicht gewichtete bilanzielle Eigenkapitalquote von Finanzinstituten hat
bei ungefähr 30% zu liegen
Wer solche Forderungen für zu hoch oder sogar utopisch hält, sei daran erinnert, dass sie nach 1945 über viele Jahrzehnte ohne größere Probleme den Standard darstellten. Anfang Oktober 2010 wurde von der Schweiz für die Großbanken UBS und Crédit Suisse eine insgesamt harte Eigenkapitalquote von 19% vorgeschrieben. Die beiden Banken haben die Vorschrift akzeptiert. Vielleicht haben sie hierdurch sogar einen Wettbewerbsvorteil. Ein staatliches Regulierungsproblem taucht ohnehin nur dann auf, wenn man ein Institut aus systemischen Gründen retten muss, es also z.B. zu groß ist. Das sollte aber durch die Entflechtung und eine konsequente , ordnungspolitisch motivierte Trennbankenpolitik in diesem Sinne zukünftig nicht mehr nötig sein.

Die Bankenlobby hält Forderungen nach deutlich mehr Eigenkapital gerne ein „Ja, aber" entgegen. Ja: Im Prinzip sei dies ja sinnvoll, weil mehr Eigenkapital die Banken sicherer mache. Aber: Eigenkapital sei viel teurer als Schulden (Fremdkapital), und deshalb führe viel Eigenkapital leider dazu, dass die Banken nicht genügend Kredite vergeben könnten und die gesamte Wirtschaft zu leiden habe. Deshalb sei viel Eigenkapital gesamtwirtschaftlich schädlich und daher doch nicht zu empfehlen. Aber...
...das ist offensichtlich ökonomischer Unsinn


*)
Unter Hybridkapital versteht man Kapitalinstrumente, die sich bilanziell weder dem Eigen- noch dem Fremdkapital eindeutig zuordnen lassen. Einerseits können sie Eigenkapitalcharakter aufweisen, wenn sie Verluste tragen, aber auch Fremdkapitalcharakter haben, wenn sie kündbar sind.